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​ Wie ist man als Mensch im digitalen Zeitalter authentisch? Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich über den Zusammenhang zwischen Selfies und dem wahren Selbst
Wenn man diese Art von Kritik übt, geht man davon aus, dass der Mensch so etwas wie einen inneren Wesenskern hat, eine eigentliche, vielleicht auch unveränderliche Identität. Und man hat das Ideal, dass es Formen des Ausdrucks gibt, bei denen dieses wahre Wesen zum Vorschein kommt. Das halte ich allerdings für ein Menschenbild, das sowohl in historischer als auch in kultureller Hinsicht beschränkt ist. Unser Begriff von Authentizität hat sich in den westlichen Kulturen vor allem in der Romantik entwickelt. Ich sehe heute aber viel stärker ein anderes Menschenbild dominieren, in dem der Mensch sich begreift als die Summe seiner Inszenierungen und Rollen, seiner Möglichkeiten, in ganz verschiedenen Situationen zu bestehen. Das Selbst ist also viel pluraler und variabler. Und dann ist Authentizität auch nichts mehr, das unverbrüchlich feststeht oder Ausdruck einer vorgegebenen Identität ist. Sondern authentisch ist demnach vielleicht eher das, was in der jeweiligen Situation das Angemessene, das Passende ist. Wenn etwas spontan gelingt, etwas schlagfertig ist, wenn etwas auf den Punkt gebracht ist, dann wäre es vielleicht eher als authentisch zu beurteilen als wenn etwas vermeintlich Grundlegendes zum Ausdruck kommt. [...] Quelle: „Neue emotionale Kodierung“
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